FRANKFURT (dpa-AFX) – Der Markt für Technologieaktien hat sich nach
Einschätzung von Experten nie von der geplatzten Internetblase erholt. Vor zehn
Jahren erreichte der Hype um den Neuen Markt seinen Höhepunkt – nie waren
Technologiewerte mehr wert als am 10. März 2000. Doch der jähe Absturz kam kurz
danach und vertrieb viele Anleger für immer von den Aktienmärkten. Dieses im
Nachhinein dunkle Kapitel der Börsengeschichte hinterließ vor allem bei vielen
Privatanlegern klaffende Wunden und richtete aus Sicht von Experten einen
nachhaltigen Schaden für die deutsche Aktienkultur an. Der von der Deutschen
Börse
nach wie vor eher ein Schattendasein.
Dies sei eine Folge der Übertreibungen am Neuen Markt und dem darauf
folgenden Kursverfall, lautet das Urteil der von dpa-AFX befragten Experten.
“Damit wurde viel Aktienkultur in Deutschland zerstört – insgesamt hat sich der
Neue Markt nicht gelohnt”, sagt Stefan de Schutter, Analyst und Aktienhändler
bei Alpha Wertpapierhandel. Auch Robert Halver, Marktanalyst bei der Baader
Bank, stimmt dem zu. Er verweist auf den negativen Lerneffekt für Anleger. Die
Spekulationsblase mit stetig steigenden Kursen habe viele Börsenneulinge in das
Wachstumssegment hinein gesogen und ihnen eine bittere Lehre verpasst. Diese
Investoren hätten sich die Finger verbrannt und hielten sich nun von der Börse
fern.
‘ES WAR NICHT ALLES SCHLECHT’
Dabei halten viele Experten die Idee eines Börsensegments für Unternehmen
aus Zukunftsbranchen wie Technologie und Kommunikation für wichtig. “Die
grundsätzliche Idee ‘Neuer Markt’ war sehr gut”, sagt Halver. Dann habe dieses
zur Mittelstandsfinanzierung geplante Instrument aber eine Eigendynamik
gewonnen, die nicht mehr zu kontrollieren war. Lupus-Alpha-Fondsmanager Karl
Fickel, der damals bei Invesco einen der wichtigen Fonds in diesem Segment
verwaltete, sieht aber auch positive Effekte. “Trotz der Bewertungsprobleme
wurden auch viele wichtige Technologien von Internet und Telekom über
Biotechnologie bis hin zu Solarenergie entscheidend gefördert – es wäre daher zu
einfach, heute alles im Neuen Markt nur schlecht zu reden.”
So sind für viele Beobachter erstaunlich viele Unternehmen des damaligen
Leitindex des Segments noch am Leben. Zudem sind immerhin sechs Papiere des
ehemaligen Nemax 50 derzeit im TecDax notiert und kommen wie zum Beispiel Qiagen
mehreren Milliarden Euro. Mehr als damals kostet allerdings nur die Aktie des
auf Vakuum-Technologie spezialisierten Unternehmens Pfeifer Vacuum
Andere Höhenflieger von damals wie Consors, EM.TV oder Mobilcom wurden
übernommen. Pleite oder zu praktisch wertlosen Pennystocks verkommen sind
lediglich neun Unternehmen aus dem damaligen Nemax 50.
‘KEINER KANN SICH VON SCHULD FREISPRECHEN’
Viele Unternehmen sind zudem weiter eigenständig, aber bei weitem nicht mehr
so wichtig wie damals. So erwirtschafte zum Beispiel der auf
Onlineshop-Software spezialisierte Hersteller Intershop
einen Gewinn, ist aber von den Kursen aus dem Jahr 2000 weit entfernt. Die Aktie
des ostdeutschen Unternehmens hatte in der Spitze mehr als 2.000 Euro gekostet
und hatte damit einen Börsenwert von mehr als elf Milliarden Euro. Aktuell wird
das Unternehmen mit knapp 40 Millionen Euro bewertet. Die Aktionärsvereinigung
DSW sieht deshalb in Intershop einen der größten Kapitalvernichter des Neuen
Markts.
Für Fickel ist Intershop mit seinen damals ehrgeizigen Expansionsplänen das
Paradebeispiel für eine Fehlbewertung des Marktes. Dabei gibt es seiner
Einschätzung nach aber keinen Alleinschuldigen. “Von der Verantwortung damals
kann sich keiner freisprechen: Am Neuen Markt waren alle Beteiligten Opfer,
Täter und Getriebene zugleich – ob Unternehmenschef, Analyst, Wirtschaftsprüfer
oder Fondsmanager”, sagt er. Zu den Bewertungsblasen vieler Unternehmen gesellte
sich noch eine Reihe von Betrugsfällen wie Comroad oder Infomatec.
WILDER STIER KONNTE NICHT MEHR EINGEFANGEN WERDEN
Für de Schutter ist der Neue Markt daher insgesamt eine Geschichte von
“Pleiten, Pech und Pannen.” Halver sieht auch beim Betreiber, der Deutschen
Börse
einen wilden Stier frei gelassen und konnte ihn dann nicht wieder einfangen. Der
Ansatz Neuer Markt war Weltklasse, die Umsetzung aber nur Kreisklasse.” Alle
Versuche, den Markt wiederzubeleben, seien bisher fehl geschlagen und “alter
Wein in neuen Schläuchen”./fat/zb/tw
— Von Frederik Altmann und Bernd Zeberl, dpa-AFX —