WALLDORF (dpa-AFX) – Europas größter Softwarehersteller SAP kommt
nicht zur Ruhe. Nach mehrfachen Vorstandswechseln in kurzer Folge wird die
Chefetage abermals radikal umgebaut: Statt des Vorstandssprechers Léo Apotheker,
der am Sonntagabend überraschend zurücktrat, wird nun wieder eine Doppelspitze
installiert. Wie die SAP AG in einer knappen Pflichtmitteilung am Sonntagabend
bekanntgab, werden die Vorstände für Vertrieb und Produktentwicklung, Bill
McDermott und Jim Hagemann Snabe, künftig gleichberechtigte Vorstandschefs. Bei
Lang & Schwarz sank der SAP-Kurs vorbörslich um 1,45 Prozent.
Weitere Informationen zum überraschenden Abgang Apothekers will SAP am
Montag in einer Telefonkonferenz am frühen Nachmittag geben. Der Aufsichtsrat
dankte Apotheker laut Mitteilung “für seinen enormen Beitrag zum Erfolg der
SAP”, den er seit seinem Eintritt in das Unternehmen vor mehr als 20 Jahren
geleistet habe.
Aufsichtsratschef Hasso Plattner verspricht sich vom Umbau des Vorstandes,
dass “die Produktinnovationen näher mit den Kundenanforderungen”
zusammengebracht werden. Weiter heißt es, der Aufsichtsrat habe sich mit
Vorstandssprecher Léo Apotheker einvernehmlich darauf verständigt, dessen
Vertrag als Vorstandsmitglied nicht zu verlängern.
MANGELNDE UNTERSTÜTZUNG VON KUNDEN UND MITARBEITERN
Laut Medienberichten fehlte Apotheker sowohl die Unterstützung seiner Kunden
als auch seiner Mitarbeiter. Die “Euro am Sonntag” schreibt auf ihrer Webseite
“finanzen.net” unter Berufung auf informierte Kreise, mehrere Kunden hätten sich
gegenüber Aufsichtsratschef Hasso Plattner kritisch über den SAP-Chef geäußert.
Plattner habe zuvor wegen des heftigen Widerstands von Kundenseite gegen die
geplante Erhöhung von Wartungsgebühren selbst mit ihnen gesprochen. Einige
hätten erklärt, keine neuen Verträge mit SAP abschließen zu wollen, so lange
Apotheker das Unternehmen führe. Erst vor wenigen Wochen hatte der Konzern die
geplante Erhöhung der Wartungsgebühren zurückgenommen. Auch von seinen
Mitarbeitern sei Apotheker nicht akzeptiert worden.
Auch in anderen Medienberichten hieß es am Montag, es sei in den vergangenen
Wochen immer wieder zu hören gewesen, dass das Klima zwischen Apotheker und
Plattner stark belastet gewesen sei. So habe es Kritik an der Kommunikation
Apothekers gegeben, sowohl innerhalb des Konzerns als auch nach außen. Apotheker
habe sich zudem in seinen Strategien zu häufig von den Wünschen der Kunden
entfernt.
SEIT 2008 ERST AN DER SAP-SPITZE
Der Vertriebsexperte Apotheker stand erst seit April 2008 an der SAP-Spitze
- zunächst gleichberechtigt neben dem Physiker Henning Kagermann und seit Mai
2009 allein. Apotheker war der erste Chef des traditionell stark
entwicklergetriebenen Softwarehauses, der zuvor nicht selbst programmiert hatte.
Die beiden neuen SAP-Chefs gehören dem Vorstand seit Juli 2008 an.
Der erneute Umbau an der Konzernspitze erfolgt in einer für SAP schwierigen
Phase. Das lange Jahre erfolgsverwöhnte Unternehmen musste im abgelaufenen
Geschäftsjahr wegen der weltweiten Finanzkrise und der daraus resultierenden
Investitionszurückhaltung der Kunden einen Rückgang beim operativen Gewinn von
3,3 Milliarden auf 2,9 Milliarden Euro verbuchen. Unter dem Strich fiel der
Gewinn bei SAP 2009 von 2,2 auf 2,0 Milliarden Euro. Der Umsatz ging um neun
Prozent auf 10,7 Milliarden Euro zurück, und die Erlöse aus dem Geschäft mit
Software sackten um 28 Prozent auf rund 2,6 Milliarden Euro ab./kf/DP/gr/stw/tw