WALLDORF (dpa-AFX) – Europas größter Softwarehersteller SAP
nicht zur Ruhe. Nach mehrfachen Vorstandswechseln in kurzer Folge wird die
Chefetage abermals radikal umgebaut: Leo Apotheker wird ab sofort als
Unternehmenschef ersetzt durch eine Doppelspitze bestehend aus den Vorständen
für Vertrieb und Produktentwicklung, dem Amerikaner Bill McDermott und dem Dänen
Jim Hagemann Snabe. An der Börse sorgte die Ankündigung für Unsicherheit. Der
SAP-Kurs sank am Vormittag um ein Prozent auf 33,05 Euro und entwickelte sich
damit schwächer als der Markt.
Nach Meinung von Heino Ruland, Marktstratege bei Ruland Research, hat der
plötzliche Rücktritt mit der schleppenden Geschäftsentwicklung einiger Bereiche
zu tun. Die Markteinführung des Hoffnungsträgers Business Bydesign wurde immer
wieder verschoben und SAP verliert Marktanteilen an den Erzrivalen Oracle
Zerwürfnis mit Aufsichtsratschef Hasso Plattner als Grund für den Rücktritt. In
den vergangenen Monaten war spekuliert worden, Plattner sei mit der jüngsten
Entwicklung von SAP nicht mehr zufrieden gewesen. Zudem gebe es eine interne
Debatte darüber, ob SAP weiter an der Kostenschraube drehen oder mehr Geld in
die Entwicklung neuer Produkte stecken soll.
STRATEGIESTREIT UND ZERWÜRFNIS
Nach Ansicht von Thomas Becker, Experte der Commerzbank haben die
SAP-Gründer die Geduld mit Apotheker verloren. Der Manager sei dafür
verantwortlich gemacht worden, dass es SAP nicht gelungen ist, das
Wartungsgeschäft weiter auszubauen und den Verlust weiterer Marktanteile zu
stoppen. SAP will bei einer Telefonkonferenz am Montagnachmittag Auskunft über
den Chefwechsel geben. Sonntagabend hatte Plattner angekündigt, der Wechsel
solle “die Produktinnovationen näher mit den Kundenanforderungen”
zusammenbringen.
Mit dem Wechsel macht Plattner seine Entscheidung von Anfang 2007
rückgängig. Damals hatte er Apotheker zum Co-Chef neben Henning Kagermann
auserkoren und im Mai 2009 zum alleinige Chef ernannt. Plattner opferte damals
den als Kronprinzen gehandelten Produktvorstand Shai Agassi zugunsten des
Vertriebsmannes.
APOTHEKER GLÜCKLOS IM WARTUNGSSTREIT MIT KUNDEN
Glück brachte der Schritt SAP nicht bei den Kunden. Mit der abrupten
Anhebung der Wartungspreise hatte Apotheker seine Kunden verprellt. Kunden der
ersten Stunden zeigten sich entsetzt über den neuen Stil des Unternehmens.
Plattner musste einschreiten und mit ihnen als Stimme der alten SAP sprechen. Im
Januar knickte Apotheker ein und erlitt eine doppelte Niederlage: Der Schaden
des Kundenverhältnisses war nicht mehr rückgängig zu machen und SAP gelang es
nicht, die Wartungspreise im geplanten Maße zu erhöhen.
Auch bei der Produktentwicklung fällt SAP hinter den US-Konkurrenten Oracle
zurück. Die neue Mittelstandsoftware Business byDesign sollte bereits vor zwei
Jahren an den Start gehen und ist bis heute nur bei Testkunden in Betrieb.
OracleX konnte SAP mit seiner Strategie, sein Produktportfolio durch
milliardenschwere Käufe zu erweitern, Marktanteile abnehmen./fn/gr/tw